Jean Améry
Der österreichische Schriftsteller Jean Améry (1912–1978) war nicht nur ein passionierter Essayist und engagierter Intellektueller, sondern auch ein skeptischer Beobachter der philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Bekanntheit erlangte Améry mit den Werken »Jenseits von Schuld und Sühne«, »Über das Altern« und »Unmeisterliche Wanderjahre«, welche er gemeinsam als einen essayistisch-autobiographischen Roman bezeichnete und der noch durch »Hand an sich legen« erweitert werden kann. In seinen Essay-Bänden berichtet Améry nicht nur darüber, was ihm in Auschwitz widerfuhr, sondern er tritt auch für eine philosophische Neuorientierung des Denkens in der Erinnerung an die in und durch Auschwitz bewirkte Versehrung der menschlichen Existenz ein. Seine Essays sind der Versuch, die Kondition als jüdisches Opfer, als leidender und alternder Mensch und die Wahrnehmungserfahrung eines Suizidanten in das gesellschaftliche Bewusstsein und den historischen Diskurs zu integrieren. Jean Amérys Texte sind von einer beeindruckenden gedanklichen Schärfe und stilistischen Brillanz und bieten auch heute noch, Jahrzehnte nach ihrem Entstehen, wesentliche Einsichten in die Situation des Menschen in der Moderne.
Biographie
Hans Mayer, der sich zeitweise auch in der Schreibweise »Hanns« begegnen ließ und seit 1955 unter dem Pseudonym Jean Améry bekannt wurde, wurde am 31. Oktober 1912 in Wien geboren. Er entstammte einer jüdischen Familie: seine Mutter Valerie Mayer, geborene Goldschmidt, stammte aus Wien, sein Vater Paul Mayer, ein Kaufmann aus Hohenems, fiel 1917 als Soldat an der Südfront. Nach dem Tod des Vaters übersiedelte die Mutter mit ihren Kindern nach Bad Ischl, wo sie eine Fremdenpension führte. Dort wuchs Hans auf, bevor die Familie nach dem Konkurs der Pension 1924 nach Wien zurückkehrte. Die Familie konvertierte inzwischen zum katholischen Glauben.
Nach ersten Gelegenheitsarbeiten begann Hans Mayer 1928 eine Lehre im Buchhandel. Früh wandte er sich literarischen und philosophischen Studien zu, insbesondere den Debatten des »Wiener Kreises«. Im November 1937, kurz vor seiner Ehe mit der Jüdin Regine Berger-Baumgarten, trat er wieder in die jüdische Kultusgemeinde ein. Die politischen Verwerfungen des Jahres 1938 zwangen ihn zur Emigration und im Dezember floh Hans Mayer nach Antwerpen. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien wurde er im Mai 1940 als »feindlicher Ausländer« verhaftet und zunächst interniert. Im Oktober 1940 erfolgte die Überstellung in das südfranzösische Lager Gurs, aus dem er im Sommer 1941 entkam. Zurück in Belgien, schloss er sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an und beteiligte sich an der in Belgien operierenden Österreichischen Freiheitsfront. Am 23. Juli 1943 wurde Améry beim Verteilen antinazistischer Flugblätter verhaftet, verhört und in der Festung Breendonk grausam gefoltert. Am 15. Januar 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert. Die letzten Kriegsmonate führten ihn durch weitere Lagerstationen: im Januar 1945 nach Mittelbau-Dora, kurz darauf nach Bergen-Belsen, wo er am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit wurde.
Zurückgekehrt nach Brüssel, erfuhr Hans Mayer, dass seine Frau wenige Tage vor seiner Heimkehr verstorben war. In dieser Situation begann er erneut zu schreiben, zunächst Essays und literarische Porträts, die sich mit Politik, Kultur und Philosophie befassten. Seit 1955 veröffentlichte er diese Texte unter dem Namen Jean Améry, der ihm zur unverwechselbaren Autorenidentität wurde. 1955 heiratete er in zweiter Ehe Maria Leitner. Sein publizistisches Werk fand Resonanz in zahlreichen Organen, von Schweizer Zeitungen bis hin zum deutschen ›Merkur‹ und verschiedenen Rundfunkanstalten. Ab den 1960er Jahren stand verstärkt die literarische Reflexion des Konzentrationslagers im Mittelpunkt. Seine Radio-Essays kulminierten 1966 in der Schrift »Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten«, die den Überlebenden zum unverzichtbaren Chronisten und kritischen Denker der Shoah machte. Améry trat im bundesdeutschen Fernsehen und in Diskussionsforen auf, profilierte sich als unorthodoxer Linker und als intellektuelle Stimme der Nachkriegszeit.
Die Auseinandersetzung mit Grenzerfahrungen setzte er in weiteren Werken fort. 1976 erschien sein Essay »Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod«, der in philosophischer Strenge wie in existenzieller Unbedingtheit sein zentrales Lebensthema erneut variierte. Ein Jahr darauf wurde Améry mit dem ›Lessing-Preis‹ der Freien und Hansestadt Hamburg geehrt. Am 17. Oktober 1978, während einer Lesereise, nahm sich Jean Améry in einem Salzburger Hotel das Leben. Sein Werk und seine Stimme blieben über den Tod hinaus als ein Ringen um intellektuelle Redlichkeit, existentielle Wahrhaftigkeit und die Verpflichtung zur Erinnerung lebendig.
Originalausgaben
»Karrieren und Köpfe. Bildnisse berühmter Zeitgenossen« Thomas: Zürich 1955.
»Teenager-Stars, Idole unserer Zeit« Müller: Rüschlikon-Zürich 1960.
»Geburt der Gegenwart. Gestalten und Gestaltung der westlichen Zivilisation seit Kriegsende« Walter: Olten/Freiburg 1961.
»Im Banne des Jazz. Bildnisse grosser Jazz-Musiker« Müller: Rüschlikon-Zürich 1961.
»Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten« Essays. Szczesny: München 1966.
»Über das Altern. Revolte und Resignation« Klett: Stuttgart 1968.
»Widersprüche« Klett: Stuttgart 1971.
»Unmeisterliche Wanderjahre« Klett: Stuttgart 1971.
»Lefeu oder Der Abbruch. Roman-Essay« Klett: Stuttgart 1974.
»Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod« Klett: Stuttgart 1976.
»Charles Bovary, Landarzt. Porträt eines einfachen Mannes« Klett: Stuttgart 1978.
Postum erschienen
»Die Schiffbrüchigen« Roman. Erstdruck nach einem knapp 400-seitigen Typoskript aus dem Nachlass im DLA, vermutlich aus den Jahren 1934 und 1935 (auszugsweise als Die Entwurzelten 1935 im Wiener Jahrbuch 1935 erschienen). Klett: Stuttgart 2007.
»Cinéma. Texte zum Film« Klett: Stuttgart 1994.
»Der integrale Humanismus. Zwischen Philosophie und Literatur. Aufsätze und Kritiken eines Lesers 1966–1978« Klett: Stuttgart 1985.
»›Weiterleben – aber wie?‹ Essays 1968–1978« Klett: Stuttgart 1982.
»Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts« Klett: Stuttgart 1981.
»Örtlichkeiten« Nachwort Manfred Franke. Klett: Stuttgart 1980.
»Der neue Antisemitismus« Vorwort Irene Heidelberger-Leonard. Klett: Stuttgart 2024.
Werkausgabe
Améry, Jean: Werke. Band 1. »Die Schiffbrüchigen. Lefeu oder der Abbruch«, hrsg. von Irene Heidelberger-Leonard. Stuttgart 2007.
Améry, Jean: Werke. Band 2. »Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten«, hrsg. von Gerhard Scheit. Stuttgart 2002.
Améry, Jean: Werke. Band 3. »Über das Altern. Hand an sich legen«, hrsg. von Monique Boussart. Stuttgart 2005.
Améry, Jean: Werke. Band 4. »Charles Bovary, Landarzt«, hrsg. von Hanjo Kesting. Stuttgart 2006.
Améry, Jean: Werke. Band 5. »Aufsätze zur Literatur und Film«, hrsg. von Hans Höller. Stuttgart 2003.
Améry, Jean: Werke. Band 6. »Aufsätze zur Philosophie«, hrsg. von Gerhard Scheit. Stuttgart 2004.
Améry, Jean: Werke. Band 7. »Aufsätze zur Politik und Zeitgeschichte«, hrsg. von Stephan Steiner. Stuttgart 2005.
Améry, Jean: Werke. Band 8. »Briefe«, hrsg. von Gerhard Scheit. Stuttgart 2007.
Améry, Jean: Werke. Band 9. »Materialien«, hrsg. von Irene Heidelberger-Leonard. Stuttgart 2007.
Literatur über Jean Améry (Auswahl)
Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): »Jean Améry. Text und Kritik« Zeitschrift für Literatur. München 1988 (Heft 99, Juli).
Bormuth, Matthias/Nurmi-Schomers, Susan (Hg.): »Kritik aus Passion. Studien zu Jean Améry« Göttingen 2005.
Brandl, Lukas: »Philosophie nach Auschwitz: Jean Amérys Verteidigung des Subjekts« Wien/Berlin 2018.
Heidelberger-Leonard, Irene: »Jean Améry. Revolte in der Resignation. Biographie« Stuttgart 2004.
Heidelberger-Leonard, Irene (Hg.): »Über Jean Améry« Heidelberg 1990 (Beiträge zur neuen Literaturgeschichte. F. 3, 102).
Heidelberger-Leonard, Irene/Höller, Hans (Hg.): »Jean Améry. Der Schriftsteller« Stuttgart 2000.
Heidelberger-Leonard, Irene/von der Lühe, Irmela (Hg.): »Seiner Zeit voraus. Jean Améry – ein Klassiker der Zukunft?« Göttingen 2009.
Hermann, Ingo (Hg.): QJean Améry. Der Grenzgänger«, Gespräch mit Ingo Hermann in der Reihe „Zeitzeugen des Jahrhunderts“. Göttingen 1992.
Hewera, Birte/Mettler, Miriam (Hg.): »An den Grenzen des Geistes. Zum 100. Geburtstag von Jean Améry« Marburg 2013 (kommunikation & kultur, B. 1).
Kesting, Hanjo: »Augenblicke mit Jean Améry. Essays und Erinnerungen« Göttingen 2014.
Kleinert, Markus: »Suiziddiskurs bei Jean Améry und Hermann Burger. Zu Jean Amérys ›Hand an sich legen‹ und Hermann Burgers ›Tractatus logico-suicidalis‹« Stuttgart 2000.
Schultz-Gerstein, Christian: »Der Doppelkopf. Nach einem Gespräch mit Jean Améry« Frankfurt am Main 1979.
Steiner, Stephan (Hg.): »Jean Améry (Hans Maier). Mit einem biographischen Bildessay und einer Bibliographie« Basel/Frankfurt am Main 1996.
Weiler, Sylvia: »Jean Amérys Ethik der Erinnerung. Der Körper als Medium in die Welt nach Auschwitz« Göttingen 2012.
Weiler, Sylvia/Hofmann, Michael (Hg.): »Revision in Permanenz: Studien zu Jean Amérys politischem Ethos nach Auschwitz« Frankfurt am Main 2016 (Historisch-kritische Arbeiten zur deutschen Literatur, Band 55).
Wolf, Siegbert: »Von der Verwundbarkeit des Humanismus. Über Jean Améry« Frankfurt am Main 1995.
